Kapitel 2: Grünes Leid

  • Kaltes Wasser riss mich aus der Bewusstlosigkeit. Die Schlieren vor meinen Augen ließen mich nicht meine Umgebung erkennen. Verzweifelt versuchte ich die Benommenheit wegzublinzeln und mich aufzurichten. Der eisige Schmerz in der linken Schulter trieb mir weitere Tränen in die Augen. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich mittlerweile wieder etwas sehen und betrachtete die Umgebung. Ich lag nach wie vor, neben dem mittlerweile heruntergebrannten Feuer, am Boden. Nach mehreren Bemühungen schaffte ich es auch mich aufzurichten und weiter meine Umgebung zu betrachten. Der kalte Regen hatte mich geweckt, vermischt mit dem Blut der Dorfbewohner, hatte er den Boden um die alte Eiche aufgeweicht. Das heruntergebrannte Feuer, einstig ein Symbol der Freude, war nun das Symbol für den Tod hunderter Dorfbewohner.


    Ich schaffte es mich auf meine Beine zu ziehen und ging taumelnd auf das erste Haus zu. Es war das Haus der Bäckerei, die noch vor wenigen Tagen saftig, süße Honigkuchen und weiches, körniges Brot gebacken hatte. Ich trat durch die eingeschlagene Tür und trat hinter die Theke. Ich entzündete die magische Laterne und sah die entsetzliche Zerstörung. Stühle und Tische waren zerschlagen, Krüge und Tontöpfe lagen in Scherben auf dem Boden. Mehl und Gewürze bedeckten den Boden. Niedergeschlagen ließ ich mich vor den alten Ofen auf den Boden fallen. Ich wusste nicht was ich jetzt noch tun sollte. Mein Dorf, meine Familie, mein ganzes ruhiges Leben war innerhalb eines Tages ausgelöscht worden. Geplagt von Trauer schlief ich vor Erschöpfung an den Ofen gelehnt ein.


    Das Brennen in meiner Schulter riss mich aus dem Schlaf. Ich sah mit meine Wunde nun genauer an. Der Pfeil hatte Knochen verfehlt und steckte noch immer im Fleisch. Der Schaft war abgebrochen, nur ein Teil des Holzes ragte noch aus der Wunde. Das Fleisch um die Wunde war bereits rosig und schwarze, feine Linien überzogen das Gewebe darum. Ich schluckte, wissend dass ich den restlichen Pfeil entfernen musste um nicht an einer Vergiftung zu erkranken. Um die Stelle zu desinfizieren begab ich zu nächst zur Schenke, dort würde ich starken Alkohol finden. Im Haus der Kräuterkundigen fand ich Verbände und Salben um die Wunde verbinden zu können. Wie erwartet fand ich keinen der Dorfbewohner oder eine der Leichen. Mit meinem Vorrat an Heilutensilien betrat ich die Schmiede und suchte nach einer Zange. Ich wusste, dass ich nicht selber die Kraft besaß, mir den Pfeil aus der Schulter zuziehen. Ich klemmte mir ein Stück lederumwickeltes Holz zwischen die Zähne.


    Ich klemmte das Ende des Pfeils zwischen die Zange und fixierte die Zange mit weiteren Lederbändern. Das würde verhindern, dass der Pfeil aus der Zange rutschen konnte. Ich befestigte an der Öse am Ende der Zange die Eisenkette die an einem Balken befestigt war. Den offenen Schnaps kippte ich zur Hälfte über die Wunde. Das Brennen ließ mich fast meinem Vorhaben abbrechen, mit Tränen in den Augen und schwer atmend stand ich vor dem Balken. Dann ließ ich mich fallen.


    Der Schmerz war unbeschreiblich. Keuchen lag ich auf dem Boden und blinzelte um die Sterne der nahenden Ohnmacht wegzublinzeln. Ich wagte es nicht gleich auf zu stehen und betrachtete meine improvisierte Operation. Die Reste des Pfeils hingen noch immer in der Zange die am Balken baumelte. Vorsichtig zog ich mein Obergewand zur Seite und betrachtete die Wunde. Mit festgebissenen Zähnen goss ich mehr von dem Brandwein in die Wunde und spülte sie aus. Vorsichtig drückte ich die Heilsalbe in die Wunde und legte einen der Verbände an. Ein betäubendes Gefühlt machte sich in der linken Schulter breit, es war vor erst geschafft.


    Langsam ging ich zu meinem eigenen Haus, nicht wissend was mich erwarten würde. Die Tür war unversehrt und auch sonst waren keine Spuren eines Kampfes zusehen. Ich öffnete die Tür und trat in meine vertraute Hütte. Mein Blick schweifte über die Kochstelle und über das Geschirr über dem Ofen. Es war alles unversehrt, daraufhin ging ich in das Kaminzimmer und erstarrte. Jemand saß im Schaukelstuhl vor dem Kamin, doch er rührte sich nicht. Vorsichtig nahm ich einen der Schürhaken und schlich um den Stuhl herum. Den Haken zum Schlag erhoben starrte ich das Wesen an. Es war tot, ein Pfeil ragte aus seinem Herzen, welcher ihn an den Stuhl festgenagelt hatte.

    Es hatte gelbe Augen, umrahmt von einer grünen Fratze, kleine, spitze Ohren und schwarzes, fettiges Haar. Ich hatte über diese Wesen gelesen, man nannte sie Orks. Die Menschen und Elfen führten Krieg gegen sie, selbst die Zwerge töteten sie wo sie aufeinandertrafen. Es waren die Wesen aus den Albträumen der Kinder und den Schaumärchen der Erwachsenen. Doch was macht sie soweit abgelegen von den Schlachtfeldern. Waren die Kriege bereits so nahe gerückt? Ich besah mir den Ork genauer. Er trug eine Lederne Rüstung die mit Tierfellen und Knochen verziert war. In die Rüstung waren eiserne Ringe gelassen um Schutz vor Schwerthieben zu bieten. An seiner Seite hing ein Schwert, dass eher einem Fleischerbeil gleichkam. Seine Zunge hing ihm aus dem Rachen und ein fauliger Geruch ging von ihm aus. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf, was wenn er vermisst wurde und seine Kameraden nach ihm suchen würden? Ich musste aus dem Dorf, Richtung Norden wo die großen Städte der Menschen lagen.


    Ich ging in mein Zimmer und zog mir frische Klamotten an. Meinen Reiserucksack füllte ich mit allen mir nützlich erscheinenden Dingen. Regenmantel und weitere Kleidungsstücke, als Proviant nahm ich alle Vorräte die ich finden konnte. Weiteren Schnaps, Verbände und die Heilsalbe legte ich mit dazu und verschnürte den ledernen Rucksack. Für ein bis zwei Wochen war ich gerüstet, danach müsste ich jagen oder fischen gehen. Daher legte ich mir einen der Bögen meines Vaters um die gesunde Schulter und packte eines der Messer mit Angelschnur und Haken in eine der Manteltaschen. Einen letzten Blick warf ich auf das Ungeheuer das für mein Leid verantwortlich war. Dann trat ich aus der Tür und schritt leise ein letztes Mal auf den Dorfplatz.


    Ich stand vor der Eiche. In der Dämmerung sah sie wie ein Dämon der Nacht aus, gespickt mit Pfeilen und den Leichen der Bewohner. Das Blut war bereits vom Regen abgespült worden und die weißen Körperteile sahen aus als wären sie Bestandteil der Eiche. Ein bizarrer Anblick der mir die Übelkeit hochtrieb. Tiefe Trauer überkam mich, ich blickte ein letztes Mal meinen Freunden und Bekannten entgegen. Das leise Pfeifen des Windes klang wie das Wehklagen der Entstellten. Sie starrten mich an, das Entsetzen der Gräueltat ins Gesicht gemeißelt. Ich drehte mich um und ließ sie hinter mich, die Tränen liefen meine Wangen herab und tränkten den Boden. Ich blickte mich nicht mehr um, verließ stillschweigend das Dorf Richtung Norden.